Ein bekannter Unbekannter

 

Von Timo Schoch

 

Der Übergang zum Puig Major ist soetwas wie ein Muss für Radsportler, wenn sie zum Trainingslager auf Mallorca sind. Es ist der höchste Punkt, den man mit dem Rennrad erreichen kann. Bei der Auffahrt von Alcudia schloss ich im April 2016 recht schnell auf zwei Jungs auf. Der eine steckte in einem Trikot der Maloja Pushbikers, der andere hatte ein blaues Outfit übergestreift. Beide fuhren recht locker, als ich aber in deren Windschatten kam, gab der Pushbiker Gas und zog davon. Da ich zu diesem Zeitpunkt nicht auf eine Jagd aus war, fuhr ich das Tempo des Zweiten weiter. Wir plauderten etwas miteinander. Die Geschwindigkeit war gemächlich, als wir Kurve um Kurve in Richtung Puig Major hinaufrollen. Wir unterhielten uns auf Englisch. Ich erfuhr, dass er Belgier war, Moreno hieß und den ersten Tag auf Mallorca unterwegs war. Mein Trainingslager neigte sich - nach einigen harten Einheiten - bereits dem Ende entgegen. Dann erzählte er mir, dass er mit Freunden da sei und auf ein paar schöne Touren hoffte.

 

Als sich die Straße in Richtung Sa Calobra zweigte, fuhren wir beide geradeaus, weiter Richtung Puig Major. Nun wollte ich aber etwas schneller fahren, noch einen längeren, intensiven Intervall einlegen. Ich sagte zu Moreno, dass ich das Tempo nun etwas steigern würde. Er lächelte, wir verabschiedeten uns. Irgendwann, wenige Kilometer weiter, als die Straße eben wurde und an den Stauseen vorbeiführte, hörte ich hinter mir ein Knattern. Ich blickte hinter mich und erkannte in den Augenwinkeln ein Quad, das sich zentimeterweise näher an mich heranschob. Als dieses auf gleicher Höhe war, sprintete für mich - völlig überraschend - mein belgischer Freund an mir vorbei. Mein Puls bewegte sich zu diesem Zeitpunkt schon knapp über dem Schwellenbereich. Aber ich dachte mir, dass er eben noch frische Beine hätte und deshalb kurz so einen Sprint hinlegen könnte. Einige hundert Meter weiter nahm Moreno wieder das Tempo heraus und fuhr ruhig weiter, bis ich wieder zu ihm aufschloss. "That Quad was cool", strahlte er übers ganze Gesicht und erklärte mir, dass er tollen Windschatten gehabt hatte. Ich meinte nur, dass er nicht gleich am ersten Tag so übertreiben solle, weil er sonst schnell kaputt sei, bei dem Tempo. "Take it easy, you have six more days", versuchte ich ihn zu bremsen und erklärte ihm, dass er mit seiner Kraft haushalten müsse, weil er sonst seine Touren mit seinen Freunden nicht mehr richtig genießen könnte - schließlich spräche ich da aus eigener, leidvoller Erfahrung, erklärte ich ihm.

 

Er schien auf mich zu hören, lächelte und zeigte mir den gehobenen Daumen. Er wolle nun wieder langsam weiterrollen, sagte er. Wir verabschiedeten uns erneut. Bei dem sozialen Netzwerk für Sportler, Strava, fand ich ihn am Abend - er hieß Moreno de Pauw - und ich wünschte ihm ein schönes Trainingslager. Er schrieb zurück, dass er hoffte, noch auf einige Quads zu treffen, die ihm Windschatten geben würden. Danach hörte ich nichts mehr von ihm - bis vor wenigen Tagen, als mir eine Sportmeldung auffiel, in der mir ein Name sehr bekannt vorkam: Moreno de Pauw. Darin stand, dass er beim Berliner Sechstagerennen mit seinem Partner den zweiten Platz belegt hatte. Nun wurde ich neugierig und recherchierte über ihn, und fand Moreno auch schnell bei Wikipedia: Bahnradspezialist aus Belgien, mehrfacher belgischer Meister, dritter Platz bei der Europameisterschaft im Mannschaftsfahren im vergangenen Jahr, Junioren-Vizeweltmeister. Nun fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Ich Volld... erzähle einem solchen Mann, wie er trainieren soll und maßregle ihn?! Er hatte sicherlich seinen Spaß mit einem Touristenradler wie mir - und vor allem mit meinen vorlauten Tipps. Der Pushbiker war übrigens sein Kumpel. Er heißt David Muntaner und wurde 2014 Weltmeister im Madison. Auch ein für mich damals bekannter Unbekannter.

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