Der fliegende Belgier

am Coll de Rates

 

Von Niklas Finke

 

Es war letzte Berg an einem sonnigen Tag Anfang Januar im ersten Teamtrainingslager an der spanischen Costa Blanca. Nachdem wir bereits zwei 70 Kilometer und zwei längere Anstiege in den Beinen hatten, wollte ich am Coll de Rates im K3-Modus (Kraft am Berg) noch mal etwas an der Schwelle kitzeln. Das heißt Kette rechts und mit 40 bis 50 Umdrehungen wie in Zeitlupe mit maximaler Kraft im Sitzen den Berg hochkurbeln.

 

Der Coll de Rates ist bei den Radprofis der wohl beliebteste Anstieg an der Costa Blanca. Durch seine gleichmäßige Steigung und weiten Kurven ist er ideal geeignet für Intervalltraining. Um den Jahreswechsel sind dort mehr Radfahrer als Autos unterwegs und gefühlt auch mehr Radprofis als Hobbyfahrer.

 

Ich hatte gerade auf dem ersten Kilometer meinen Rhythmus gefunden, als ich kurz zusammenzuckte weil ein Fahrer fast lautlos an mir vorbeiflog. Ich konnte nur „LIDL“ auf der Hose des Fahrers lesen und war währenddessen schon reflexartig aus dem Sattel gegangen um die schnell wachsende Lücke zu schließen.

 

Auf Anhieb konnte ich den Fahrer nicht erkennen und wollte deshalb wissen, welcher Profi es denn nun ist. Er trug die Farben des belgischen Meisters und war offensichtlich Fahrer des Teams Quick-Step. Während ich mich vergeblich versuchte an den amtierenden belgischen Meister zu erinnern, musste ich über 800 Watt treten, um die Lücke zu schließen. Nach rund 100 Metern hatte ich es geschafft und konnte mich im Windschatten – der bei 34 Kilometern pro Stunde schon deutliche Wirkung zeigt – kurz erholen und wollte die Chance nutzen um ein Foto von ihm zu machen.

 

Dabei fuhr ich etwas versetzt und konnte ihn nun endlich an den Gesichtszügen identifizieren. Es war Philippe Gilbert, der Straßenweltmeister von 2012. Es war schon sehr beeindruckend zu sehen, wie ruhig er auf dem Rad saß und das bei 500 Watt. Nach einer Kehre ging er aus dem Sattel und beschleunigte noch einmal. Das war zu viel für mich und ich versuchte erst gar nicht das Hinterrad zu halten. Schließlich waren es noch 5 Kilometer bis zum Gipfel und ich wollte eigentlich Kraftausdauer trainieren und keine Sprints.

Etwa bei der Hälfte des Anstiegs sah ich ihn wieder. Diesmal ganz entspannt in Oberlenkerhaltung, aber immer noch mit einer Zwei vorne auf dem Tacho. Das beruhigte mich ungemein, weil ich mir nicht hätte vorstellen könne, dass er das Tempo den ganzen Anstieg durchhalten kann.

Oben angekommen warteten schon einige seiner Teamkollegen in der Sonne. Waren die etwa noch schneller gefahren als Gilbert?


Unmöglich - dachte ich mir! Gilbert ist bestimmt schon das zweite Mal den Col gefahren, versuchte ich mir einzureden.
Wie auch immer, er hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen und gezeigt, warum er einer der weltbesten Klassikerspezialisten ist.

 

Solche Momente gibt es wohl nur im Radsport. Auf dem Fußballplatz auf Lionel Messi zu treffen oder auf der Autobahn von Sebastian Vettel im Formel-1-Ferrari überholt zu werden, passiert einem bestimmt nicht so häufig.

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