Erfolgsformel „Motivation = Kopf + Körper“

Von Timo Schoch

 

Teamfahrer Timo Schoch hat sein erstes Lizenzrennen beendet. Warum ein Eis von Aleš und die Formel „Motivation = Kopf + Körper“ dabei einen Rolle spielten, erfahrt hier in diesem Bericht.

 

Es gibt eine Formel, die beschreibt Motivation folgendermaßen: „Motivation = Kopf + Körper“. Das bedeutet im Radsport übersetzt: Wenn der Körper an die Grenzen kommt, muss der Kopf mitspielen, dass man seine Ziele erreicht. Kurzum: Es braucht die richtige Motivation, damit der Körper maximal funktioniert. Und dies ist bei mir ganz klar ein leckeres Eis. Mein Teamkollege Aleš Großberger hatte da gleich schon die richtigen Knöpfe bei mir gedrückt, als er mir versprochen hatte: „Wenn Du in diesem Jahr ein Lizenzrennen beendest, bekommst Du von mir ein Eis.“ Der Kopf war also schon zu 100 Prozent motiviert, fehlte also nur noch der Körper. Und nach einigen Tiefphasen beim B/C-Rennen in Sonthofen klappte es auch mit der ersten Zielankunft in einem Lizenzrennen für mich.

 

Aber der Reihe nach: Mein erstes Lizenzrennen, der Rosenheimer Straßenpreis (KT/A/B/C), verlief sehr ernüchternd. Die Neun-Kilometer-Runde, die neunmal gefahren wurde, zog mir schon beim ersten Anstieg den Zahn. Bereits nach vier Kilometern kämpfte ich gegen den Besenwagen und wurde nach rund der Hälfte der Distanz wegen zu großen Rückstandes aus dem Rennen genommen. Ich brauchte etwas Zeit, um alles zu verarbeiten und mich wieder neu zu motivieren. Wobei es Aleš doch schnell schaffte, indem er mir die oben genannte Eis-Wette anbot. Also versuchte ich mein Glück beim 5. Andreas Brandl Gedächtnisrennen in Sonthofen, einem B/C-Rennen.

 

Der erste Schock folgte jedoch schon bei der Besichtigungsrunde. Kurz nach dem Start zog sich ein Anstieg mit 11 – 7 – 11 Prozent Steigung, rund 70 Höhenmeter hinauf. Danach erschwerten schlechter Asphalt und eine haarige Abfahrt mit drei Querrinnen und einer 90-Grad-Kurve im Kreisverkehr das Ganze. Rund 3,7 Kilometer lang war eine Runde, die 18-mal gefahren werden musste. Insgesamt also knapp 60 Kilometer und 1100 Höhenmeter. Allerdings hatte ich im Vorfeld gedacht und gehofft, dass der Anstieg etwas flacher ausfallen sollte und ich diesen mit meinem Gewicht etwas leichter hochdrücken könnte. Aber die Besichtigungsrunde raubte mir alle Illusionen. Innerlich hatte ich mich bereits mit dem nächsten dnf (Did not Finish) abgefunden. Trotzdem spuckte dieses von Aleš versprochene Eis noch in meinem Kopf herum. Zu verlieren hatte ich sowieso nichts. Um trotzdem noch eine kleine Chance zu haben, nicht gleich wieder am ersten Anstieg abgehängt zu werden, stellte ich mich in die vordere Reihe, hinter mir zwischen 80 und 90 weitere Lizenzfahrer.

 

Als der Start freigegeben wird, passiert mir das gleiche Missgeschick wie in Rosenheim. Der Schuh rutscht vom Pedal, das gleich wild durchdreht. Bis ich endlich eingeklickt bin, sehe ich vor mir das gewohnte Bild: Das Feld fliegt davon; ich keuche tief auf dem Unterlenker gebückt hinterher. Und schon wieder bin ich Letzter. Zwangsläufig kommt mir Rosenheim in den Sinn. Wiederholt sich die Geschichte also wieder? „Jetzt bloß nicht abhängen lassen“, schießt es mir durch den Kopf. Unten am Anstieg zeigt der Wattmesser über 700 Watt an, im Durchschnitt sind es zwei Minuten lang 560 Watt. Der Puls? Jenseits zwischen Gut und Böse – aber ich habe den Anschluss zum Feld nicht verloren. Bei der Abfahrt halte ich mich aus dem Getümmel heraus und rolle im hinteren Bereich des Feldes über die Start- und Ziellinie. Beim zweiten Anstieg machen die Spitzenfahrer dann aber ernst. Das Feld zerfällt in kleine Gruppen. Um mich herum sammeln sich fünf andere Fahrer. Wir bilden das Grupetto. Wir harmonieren soweit ganz gut zusammen, wechseln uns in der Führungsarbeit ab. Ein weiteres Grüppchen vor uns haben wir immer in Sichtweite, kommen aber nicht näher. So ziehen sich die 18 Runden wie Kaugummi. Und immer wieder gilt es sich neu für diesen mit jeder Runde förmlich länger werdenden Anstieg zu motivieren. Zwangsläufig fällt mir dabei das Zitat von Jens Voigt ein, der einmal sagte: „Hinten fahren tut genauso weh, wie vorne fahren.“ Ich muss zugeben: Er hatte Recht. Es tut verdammt weh. Und bei jeder neuen Runde ergibt sich ein ähnliches Bild: Ein einheimischer Fahrer von Sonthofen bestimmt das Tempo. Er ist eigentlich einen Tick zu stark für die Gruppe und hat eventuell den Anschluss an die vor uns befindliche Gruppe verpasst. Gefolgt von mir und noch einem weiteren Fahrer. Dahinter kämpft verbissen ein Fahrer vom RSC Kempten um den Anschluss. Seine Atmung hat die Frequenz einer Nähmaschine. Aber er hält Kontakt. Zwischendurch ruft er noch: „Ich will nur durchkommen.“ Wenigstens haben wir beide das gleiche Ziel. Ob er auch ein Eis als Belohnung für den Zieleinlauf versprochen bekommen hat? Der Gedanke an das Eis hält meine Lebensgeister wach.

 

Hin- und wieder fällt im Laufe des Rennens ein Fahrer aus der vor uns liegenden Gruppe zurück. In der zwölften Runde sind wir um die zehn Fahrer. Danach teilt sich unsere Gruppe erneut – und ich komme an mein Limit. Beim Versuch dranzubleiben, überdrehe ich kurzzeitig und habe sogar richtig Probleme die zurückgefallenen vier Fahrer zu halten – und nun spielt auch das versprochene Eis keine Rolle mehr. Ich will nicht mehr. Der Tiefpunkt ist erreicht. Doch irgendetwas hindert mich am Aufgeben. Bei der Abfahrt schaffe ich wieder den Anschluss ans Grupetto. Bereits dunkelgrau gefahren, nehme ich noch schnell ein Gel zu mir. Zu meinem Glück wird der nächste Anstieg etwas langsamer gefahren und ich kann mich wieder etwas erholen. Zwei Runden vor Schluss folgt die Überrundung der dreiköpfigen Spitzengruppe – aber das ist mir völlig nebensächlich. Denn wir dürfen weiterfahren und der Glaube an eine Zielankunft ist wieder zurück. Rund acht Minuten nach dem Sieger komme ich auf Rang 35 ins Ziel. Völlig fertig klatsche ich mit meinen Grupetto-Mitstreitern ab. Erstes Lizenzrennen beendet und als Belohnung gibt es nun bald ein Eis von Aleš. Das einzige Problem ist nun: Ich brauche jetzt schnell einen weiteren Motivationsanreiz, denn am nächsten Sonntag starte ich beim Lizenzrennen (KT/A/B und C) des Altmühltaler Straßenpreises in Attenzell. Denn sonst funktioniert meine Formel „Motivation = Kopf + Körper“ nämlich nicht mehr.

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