Schön anstrengend

 

Von Daniel Slobodin

 

Daniel Slobodin nimmt am Giro Dolomiti teil, einem Rennen über sechs Etappen in den Alpen. Die Konkurrenz kommt aus 26 Ländern. Insgesamt sind 550 Teilnehmer am Start. Daniels Tagebuch, das nach jedem Wettkampftag aktualisiert wird.

 

Rennbericht Giro Dolomiti, 1. Etappe

Morgens nach dem Aufstehen folgte gleich der Blick auf den Wetterbericht. Glück gehabt, der Regen ist in der Nacht durchgezogen. Auf dem Weg zum Startpunkt Messe Bozen waren die Straßen zwar noch etwas nass, die Temperaturen mit 20 Grad aber sehr angenehm, was auf der Rückfahrt dann doch ganz anders aussehen wird. Nach dem Durchfahren der Chipmessmatte an der Messe hieß es erstmal aufstellen und 20 Minuten warten auf Rennbeginn. Da beim Giro delle Dolomiti nur ein Berg gewertet wird, heute die Plose bei Brixen (knapp 2000 Meter hoch), die restliche Strecke jedoch eher gemütlich mit Führungsfahrzeug absolviert wird, war die Aufregung und der Puls geringer als bei anderen Radrennen. Dennoch warteten wir alle gespannt auf den Start und ich war auf meine Konkurrenz gespannt. Italienisch pünktlich um 8.07 Uhr (statt 8 Uhr) ging es dann endlich los. Nach der Durchfahrt des Gewerbegebiets folgte die Fahrt durch die schöne Bozner Altstadt über Kopfsteinpflaster. Kurz darauf befanden wir uns dann schon auf der Eisacktalstraße, der wir stetig bergauf (400 Höhenmeter) für 50 Kilometer nach Brixen folgten.
 
Auch mir von letztem Jahr bekannte Gesichter (Stichwort: starke Konkurrenz) sah ich, das ein oder andere Schwätzchen folgte. Ich achtete penibel darauf genug zu essen und zu trinken, sowie darauf, im Grundlagenbereich zu bleiben. In Brixen fuhren wir zuerst durch die verwinkelte Altstadt, die zwar viele Zuschauer bot, jedoch durch die Enge sehr sehr langsam befahren wurde. Eigentlich sollte jetzt die erste Verpflegungspause folgen, jedoch kam diese nicht.
 
Wir waren nun auf der Straße nach St. Andrä, die uns über mehrere Kehren aus der Stadt führte und schöne Blicke auf die umliegenden Bergzüge eröffnete. Einige Fahrer um mich wurden nervös wegen der fehlenden Verpflegung. Mich störte dies nicht, da ich genug zu Trinken und zu Essen dabei hatte. In St. Andrä stand auch schon das Schild: Zeitmessung in einem Kilometer. Der Anstieg zur Plose war 13 Kilometer lang, dabei wurden circa 950 Höhenmeter überwunden mit sieben Prozent durchschnittlicher Steigung.
 
Die Spannung stieg, man begutachtete sich argwöhnisch. Ich fuhr in einer dreiköpfigen Spitzengruppe mit zwei Fahrern von Team Alpecin. Einer war Philipp Schädel, der spätere Etappensieger. Das Tempo war sehr hoch, lange Geraden zogen sich schier endlos durch den dichten Nadelwald. Nach einer weiten Linkskurve fuhren wir in ein Tal hinein, leider verhinderte Nebel die Sicht auf die beeindruckenden Bergspitzen der Dolomiten. Ein Alpecin-Fahrer entschied sich reißen zu lassen. Mein Puls war mittlerweile länger um 190 Schläge und ich entschied mich kurz nach ihm dasselbe zu tun, da ich dieses Tempo nicht bis oben durchgehalten hätte. Schnell fand ich einen guten Rhytmus bei 180 bis 185 Schlägen, ein Puls, den ich bergauf lange halten kann.
 
Ein Fahrer überholte mich, ich entschied mich, nach kurzen Versuch mich dranzuhängen, weiter mein Tempo zu fahren. Endlich kam die Abzweigung zum Gipfel der Plose, die Straße wurde schmaler, aber es immer noch vier Kilometer. Ein weiterer Fahrer überholte mich, lange konnte ich sein Hinterrad nicht halten. Es folgten einige Kehren, ein steileres Stück und dann stand auch schon das Zwei-Kilometer-Schild. Ich schaute mich um, weit und breit niemand. Ich gab Gas und flog förmlich die letzten zwei Kilometer hoch. Nach einer weiten Rechtskurve sah ich den Zielbogen und entschied mich für einen Zielsprint, angespornt von den Zuschauern. Oben stärkte ich mich erstmal an der reichhaltigen Verpflegung. Danach folgte der Blick auf die Ergebnisliste im Internet, die kurz nach Zieleinfahrt verfügbar ist, großes Lob an die Veranstalter. Ich war überglücklich: Platz vier gesamt mit etwas über einer Minute Rückstand; und Altersklasse mit über acht Minuten Vorsprung auf Rang eins.
 
Nach und nach kamen die anderen Fahrer oben an. Nun hieß es warten, bis alle oben sind. Zwischendrin immer essen und trinken. Nachdem endlich alle oben waren, ging es wieder runter bis zur Abzweigung. Danach wartete noch ein letzter, leichter Anstieg mit etwa 150 Höhenmetern. Inzwischen hatte sich der Nebel gelichtet und offenbarte atemberaubende Blicke auf die Dolomiten. Nach dem Anstieg folgte eine anfangs sehr enge und steile Abfahrt ins Eisacktal, eine Belastungsprobe für das Material und den Fahrer. Im Eisacktal angekommen folgten noch 30 Kilometer im Tal bis Bozen, wo ich glücklich wieder die Zielmatte überquerte. 130 Kilometer und 2200 Höhenmeter standen auf dem Radcomputer. Danach folgte ein sehr schmackhaftes Mittagessen in der Messe, welches in der Startgebühr inkludiert ist, man sieht, dass die Veranstalter sehr viel Herzblut in ihren Giro stecken. 
 
Alles in allem war das eine sehr schöne Etappe, auch wenn mich meine Platzierung sehr viel Kraft gekostet hat. Ich freue mich schon auf die nächsten Etappen.
 
 
Rennbericht Giro Dolomiti, 2. Etappe
Heute sollte es ein anstrengender und heißer Tag werden, morgens war es jedoch - dank des Gewitters am Vorabend - angenehm. Knapp 150 Kilometer und 2000 Höhenmeter sollten bezwungen werden. Das anstrengende an dieser Etappe sollten die 100 Kilometer Anfahrt bis zur Zeitmessstrecke sein, die wie immer im lockerem Tempo absolviert wurden. Nach dem fast pünktlichen Start um 8 Uhr ging es zuerst Richtung Süden raus aus Bozen und über breite Straßen das Etschtal runter fast bis Trient.
 
Dabei passierten wir viele enge Ortsdurchfahrten und konnten uns die steilen Berghänge der Alpen anschauen. Trotz vieler schöner Impressionen zog sich dieser Abschnitt lange, der Puls war meist im unteren GA1 bis Rekom-Bereich, einige Antritte verhinderten das vollständige Runterkühlen meiner Beine. Endlich erreichten wir nach 50 Kilometern den südlichsten Punkt, kurz vor Trient. Der Anstieg ins Cembratal lag nun vor uns. Mit wechselnder Steigung schlängelte sich die Straße die steilen Hänge des Tals hoch, der Puls war nun endlich im oberen GA1/unterem GA2. Dabei passierten wir mehrere schöne Dörfer, auch sonst war die Strecke viel schöner als der vorherige Abschnitt durchs Etschtal.
 
In Cembra war auch schon die erste Verpflegungspause nach knapp 65 Kilometern. Ich konnte endlich die Flaschen nachfüllen und auch mal was anderes als nur Riegel essen. Aufgrund der Lage mitten im engen Ort war diese etwas chaotisch, deshalb war es nicht verwunderlich, dass nach 30 Minuten viele Fahrer losfuhren, ich ebenfalls. Einige Kilometer nach dem Ort stoppte uns die Rennleitung, wie sich herausstellte, waren einige ungeduldige Radler noch vor dem Führungsfahrzeug aufgebrochen, nun mussten wir auf die restlichen Fahrer warten (etwa 5 Minuten).
 
Danach ging es wellig weiter, im gewohnt lockeren Tempo, bis Molina. Dort begann der kurze, aber heiße Anstieg zum San Lugano Pass (1100 Meter hoch). Ein Tunnel verschaffte etwas Abkühlung. Ich fuhr ein paar Reihen hinterm Führungsfahrzeug, da direkt nach der Abfahrt die gemessene Strecke folgen würde. Eine Position vorne war wichtig, da man sonst Gefahr liefe hinter langsameren Fahren in der steilen Auffahrt festzuhängen. Oben am San Lugano Pass wurden wir jedoch auf einen Parkplatz rausgewunken, wir mussten 20 Minuten warten, da wir weit vor dem Zeitplan waren, die Zeitmesstrecke war noch nicht für den Verkehr gesperrt. Dann ging es endlich weiter, es folgte eine kurvige Abfahrt, bis wir endlich den Beginn der Messstrecke erreichten. Nach der Startmatte folgte ein flaches Stück über eine Brücke, ich fuhr mit über 40 Kilometer pro Stunde drüber. Danach begann der Anstieg. Die ersten 5 Kilometer hatten zehn Prozent im Durchschnitt und bis zu 15 Prozent maximal, also genau mein Terrain. So konnte ich mich schnell absetzen und fuhr als Erster vorne. Nach 2 Kilometern holte mich ein Fahrer ein, Gabriel Corredor, Kolumbianer und Sieger vom Giro Dolomiti 2014. Ich versuchte sein Hinterrad zu halten, er war jedoch zu stark. Dennoch schaffte ich es, den Abstand nicht größer werden zu lassen. In Aldein folgte ein kurzes Flachstück, ehe die Steigung wieder auf bis zu zehn Prozent anzog für die nächsten zwei Kilometer. 
 
Darauf folgte ein zwei Kilometer langes Flachstück, mit kurzer Abfahrt am Ende. Ich gab Gas, damit ich nicht eingeholt wurde, der Abstand zum Führenden vergrößerte sich jedoch. Danach begann wieder die Steigung mit acht Prozent. Eigentlich dachte ich, dass die Zeitmesstrecke im nächsten Ort enden sollte, dem war leider nicht so, ein Schild zeigte weitere drei Kilometer an. Inzwischen war der Abstand zum Ersten wieder geringer geworden, ich wusste jedoch, dass er hinter mir über die Startlinie gefahren ist, gewinnen konnte ich nicht mehr. Ich sah mich um, es war kein anderer Fahrer zu sehen. Der zweite Platz war wahrscheinlich, ich beschleunigte nochmal und hielt dieses Tempo, leider auch der Kolumbianer.
 
Endlich sah ich das schöne Kloster Maria Weißenstein vor mir, in der nächsten Kurve war dann auch der Zielbogen. Kaputt, aber glücklich, radelte ich die letzten Meter bis zum Parkplatz, wo ein leckeres Mittagsessen wartete. Kurz darauf schaute ich auf die Ergebnisliste und freute mich riesig über Platz zwei.
 
Nachdem alle oben angekommen waren, ging es wieder runter und wellig bis nach Deutschnofen, mit traumhaften Aussichten auf die umliegenden Berge und Täler. Beinahe führte die Unaufmerksamkeit eines Fahrers zu einem Sturz von mir, glücklicherweise konnte ich ausweichen. Schließlich folgte eine sehr lange Abfahrt, die Bremsen wurden wie bei der ersten Etappe auf die Probe gestellt. Nach zwei langen und unangenehmen Tunnel waren wir endlich im Tal, die letzten fünf Kilometer vergingen wie im Flug. Im Ziel angekommen folgte gleich der Blick auf die Ergebnislisten. Heutige Etappe: Platz zwei Gesamt und Altersklasse auf Rang eins. Gesamtwertung: Platz drei und Altersklasse Platz eins. Glücklich, aber müde, ging es dann weiter zum Campingplatz, wo eine kühle Dusche wartete - bei der Hitze genau das richtige.
 
 
Rennbericht Giro Dolomiti, 3. Etappe
Die heutige Etappe war die Königsetappe des diesjährigen Giros: 150 Kilometer und 3200 Höhenmeter standen auf dem Plan. Schon auf der Fahrt zur Messe merkte ich, dass die Beine vielversprechend waren. Etwas Angst hatte ich vor der heutigen Bergwertung, 21 Kilometer lang und knapp 1000 Höhenmeter zum rund 2000 Meter hohen Passo Valles in den Dolomiten. Die ersten sieben Kilometer sollten acht Prozent steil sein, danach folgte jedoch ein acht Kilometer langer, fast flacher, Abschnitt. Dort hatte ich Angst zu viele Körner zu verschießen um dranzubleiben an der Spitze. Danach folgt ein sechs Kilometer langer und bis zu 15 Prozent steiler Abschnitt, also wieder mein Terrain.
 
Mit zwiegespaltener Meinung bezüglich dieses Anstiegs ging es dann um 8 Uhr los Richtung Süden. Wir folgten wieder der Etschtalstraße bis Auer im lockeren Tempo. Darauf folgte der lange, aber lockere Anstieg, zum Passo Lugano. Mir war das Tempo etwas zu gemütlich, der Puls war im Rekom bis unterem GA1. Im Anstieg achtete ich wieder darauf genug zu trinken. Die eher langweilige Auffahrt wurde jedoch dadurch aufgeheitert, dass ich Gerüchte vernahm bezüglich der gemessenen Strecke. Ich fuhr ein paar Reihen hinterm Führungsfahrzeug im dichten Pulk, direkt neben mir meine beiden Hauptkonkurrenten Philipp Schäddel vom Team Alpecin und dem starken Kolumbianer Gabriel Corredor.
 
Schließlich ging es wieder hoch, ein Schild kündigte die Zeitmessung an. Es wurde unruhig und schon bald kam der Startbogen. Ich schaffte es wie geplant hinter meinen beiden Konkurrenten über die Matte zu fahren, was mir einen Vorteil verschaffte. Das Tempo drei Kilometer langes flacheres Stück, vorne wurde ständig attackiert, ich ließ mich jedoch nicht abschütteln, trotz Tempo über 40 Kilometern pro Stunde.
 
Danach begann die zweite steile Hälfte mit Rampen von bis zu 15 Prozent. Nach einem Kilmeter bildeten nur noch wir drei die Spitzengruppe. Das Tempo war weiterhin hoch, ich fuhr über der anaeroben Schwelle, das war jedoch aufgrund der Kürze des Anstiegs kein Problem, ich fuhr einen guten Rhythmus. Leider schaffte ich es im Schlusssprint, der für mich überraschend direkt nach einer engen Linkskurve kam, nicht den Anschluss zu halten. So fuhr ich mit Abstand von etwa drei Metern als Dritter über die Zielmatte.
 
Es war ärgerlich, aber ich war froh den Anstieg überstanden zu haben, selbst auf 2000 Metern hatte es noch über 30 Grad, die Sonne schien erbarmungslos. Oben war wieder die wohlverdiente Verpflegung. Leider gab es nicht wie gewohnt gleich die Ergebnisse im Internet, die Sache blieb spannend. Nachdem alle oben waren, ging es sechs Kilometer recht steil bergab bis zur Abzweigung zum Pass San Pellegrino. Zwei Fahrern platzte dabei neben mir fast gleichzeitig der Schlauch, es ging jedoch glücklicherweise glimpflich aus.
 
Nach der Abfahrt zeigte sich die Pellegrino Straße von ihrer erbarmungslosen Seite: steile Rampen und Kehren mit bis zu 18 Prozent auf den ersten vier Kilometern, schade, dass die Wertung nicht hier war, hier hätte ich bestimmt gewonnen, da ich solche Steigungen liebe. Es ging auch dank Semikompakt- Übersetzung flüssig im GA2-Bereich aufwärts. Die letzten zwei Kilometer waren flacher mit etwa sieben Prozent.
 
Oben angekommen, hielt ich kurz an für ein paar Fotos. Es folgte eine schnelle Abfahrt, leider bremste mich starker Gegenwind. Der untere Teil war steil und eng, dank schnellem Tempo erreichten wir schnell Moena im Fassatal, wo das Mittagsessen auf uns wartete. Dies war wie immer sehr lecker, die Pause und die Hitze machten den darauffolgenden letzten Anstieg zum Karerpass aber nicht gerade leichter. In der Pause gab es dann endlich die Ergebnisse. Ich war Dritter, Corredor auf Rang zwei und Schäddel auf Platz eins. In der Altersklasse war ich Erster.
 
Nach dem Karerpass folgte die lange Abfahrt ins Eggental. Alleine bestimmt ein großer Spaß, in der großen Gruppe mit bremsendem Führungsfahrzeug jedoch sehr anstrengend. Jetzt bloß kein Fahrfehler. So war ich froh die beiden letzten Tunnel überstanden zu haben, auch wenn es nun mit 37 Grad im Bozner Talkessel sehr heiß war, wie im Backofen. Bald erreichten wir das Ziel Messe Bozen, wo ich gleich die Gesamtwertung begutachtete. Ich war immer noch auf dem dritten Platz, mit 2.25 Minuten Vorsprung auf den Vierten, Jörg Ludewig, und 1.27 Minuten Rückstand auf den Führenden, Gabriel Corredor.
 
Glücklich machte ich mich dann schnell auf den Weg zum Campingplatz, da es mittlerweile fast 18 Uhr war. Morgen folgt erstmal ein Ruhetag, danach wartet noch das Penser Joch von Sterzing und der kurze Panider Sattel auf mich. Aber jetzt genieße ich erstmal den Ruhetag.
 
 

Rennbericht Giro Dolomiti, 4. Etappe

Nach dem Ruhetag, stand heute das schwere Penser Joch auf dem Tagesprogramm (Zitat quaeldich.de: "Eine zweifelhafte Abkürzung" von Sterzing nach Bozen). Zur Anfahrt gibt es heute nicht viel zu sagen, es ging im Tal der Eisack über Brixen nach Mittewald, wo die erste und letzte Verpflegung vor dem Anstieg war. Der Weg dorthin zog sich ewig, da die Strecke wenig Abwechslung bot.
 
Nach der Verpflegung ging es weiter, talaufwärts bis Sterzing, dem Ausgangspunkt der heutigen Etappe. Dort fuhren wir nicht den direkten Weg zur Penser- Joch-Straße, sondern statteten der malerischen Altstadt einen Besuch ab, wo wir ein großes Publikum hatten, leider jedoch durch die geringe Geschwindigkeit in den engen Kopfsteinpflastergassen etwas aus dem Rhythmus gebracht wurden. Danach ging es raus aus Sterzing und nach einer kurzen Verschnaufpause in Form eines Flachstücks begann auch schon die Zeitfahrstrecke: 14 Kilometer lang und 1250 Höhenmeter. Zuerst nur leicht ansteigend, dann relativ gleichmäßig steil. Zuerst fuhren wir ein hohes Tempo im Steilstück, danach mussten die meisten Fahrer mit der Zeit reißen lassen. Schließlich blieben nur noch Corredor, Schäddel, Eddi Rizzi, Jörg Ludewig und zwei Fahrer, die nur heute und morgen fahren, übrig.
 
 Der Anstieg war trotz Sonnenseite nur mit wenig Schatten gesegnet, die Hitze war kaum erträglich, dementsprechend war viel trinken angesagt, was bei 185er Puls gar nicht so einfach ist. Die ersten sieben Kilometer bis zum Örtchen Dosso, liefen gut, es war zwar hart, jedoch hatte ich einen guten Tritt. Im Ort folgten Zwei von insgesamt nur vier Kehren, danach folgten weitere vier Kilometer bis zu den anderen beiden Kehren. Hier lief es immer noch gut, die Hitze machte mir und den anderen Fahrern zunehmend Probleme, auch das Tempo wurde geringer. Bis zu diesem Punkt bin ich immer hinter den anderen geblieben, hab Kräfte gespart, mein Plan war auf den letzten drei Kilometern oberhalb der Baumgrenze nach den Kehren zu attackieren. Leider ging dieser nicht auf (es plagten mich Krämpfe) ich konnte deshalb nicht mehr kraftvoll treten, und selbst das tat weh. An einen Wiegetritt war - wenn überhaupt - dann nur sehr kurzzeitig zu denken. In dem Moment attackierte Philipp Schädel und nur Gabriel Corredor schaffte es, das hohe Tempo mitzugehen. Ich versuchte kurzzeitig aufzuschließen, es ging wegen der Schmerzen leider nicht.
 
Die letzten drei Kilometer zogen sich schier endlos, immer die Passhöhe im Blick. Dabei nahm sogar die Steigung wieder etwas zu und lag jetzt bei elf bis zwölf Prozent. Die beiden frischen Fahrer, die nur heute und morgen starten, fuhren uns recht bald davon, auch Rizzi tat dies wenig später. Ich hatte immer Probleme beim Treten, mein Ziel war nur noch an Ludewig dranzubleiben, und so zumindest keine Zeit auf Gesamtplatz vier zu verlieren. Auf dem letzten Kilometer schaffte ich dies nicht mehr, Ludewigs Hinterrad zu halten. Mit schmerzverzerrtem Gesich kämpfte ich mich weiter, Schadensbegrenzung war angesagt. Doch wenige 100 Meter vorm Ziel kam ich Ludewig wieder näher. Plötzlich waren die Schmerzen vergessen, ich schaltete in einen schwereren Gang, ging in den Wiegetritt, holte Ludewig kurz vorm Ziel ein, angespornt von den Zuschauern. Ja, ich schafft es sogar noch vor ihm über die Zielmatte.
 
Überglücklich, aber völlig am Ende, stellte ich mein Rad ab. Für etwa eine Minute wurde mir sogar leicht schwindlig. Ich wusste nun: Ich hab alles gegeben. Oben verpflegte ich mich und so langsam konnte ich endlich die wunderbare Aussicht genießen, vorher hatte ich dafür ja keine Augen. Im Internet schaute ich auf die Ergebnisse: Heute fuhr ich auf Platz sechs.
 
Später fuhr ich mit der ersten Gruppe talwärts, Richtung Bozen. Diese Abfahrt war definitiv das Highlight dieser Etappe: 50 Kilometer nur bergab durchs Sarntal. Es ging flott vorwärts und es war schön, nur wenig in die Pedale treten zu müssen. Zehn Kilometer vor Bozen passierte jedoch ein Schreckmoment: Als die Straße sich etwas verbreitete, kamen wie so oft viele Fahrer auf die Idee, weitervorzufahren im Gegenverkehr. Leider kam kurz darauf ein LKW entgegen. Die überholenden Fahrer zogen nach rechts auf ihre Spur, das Einordnen verlief völlig chaotisch, zwei Fahrer stürzten, einer direkt vor mir. Ich konnte gerade so noch ausweichen. Hinter mir fuhren einige Fahrer auf ihn auf, ein kleiner Massensturz entstand, ich hörte es nur noch krachen.
 
Kurz darauf entschloss ich mich, rechts zu halten, um im hinteren Teil der Gruppe weiter abzufahren, da vorne zu viele Chaoten waren. Der Sturz war einfach so unnötig gewesen, da es völlig egal ist, wer zuerst in Bozen ankommt. Glücklicherweise sind alle Fahrer wohlauf, nur einer wurde wegen eines Beinbruchs ins Krankenhaus geflogen. Die letzten Kilometer verliefen flott in langen Tunneln, die durch eine enge Schlucht führten. So erreichten wir bald Bozen, wo es mittlerweile richtig heiß geworden war. Glücklicherweise war es nicht weit bis zur Messe Bozen. Dort gab es dann ein leckeres Mittagsessen. Dort erfuhr ich auch, das ich meinen Vorsprung zu Ludewig um 2.39 Minuten ausbauen konnte und in der Altersklasse 25.31 Minuten vorne lag. Da bei der morgigen, letzten Etappe, der Anstieg mit nur sechs Kilometern recht kurz ist, sind beide Platzierungen relativ sicher. Mit 145 Kilometern und 2200 Höhenmetern in den Beinen ging es nun zurück zum Campingplatz, bereit für die letzte Etappe.
 
 
 

Rennbericht Giro Dolomiti, 5.und letzte Etappe

Heute fand die letzte Etappe des diesjährigen Giro delle Dolomiti statt. Nach einer recht kurzfristigen Streckenänderung standen heute 135 km mit 2700 hm an. Die Zeitmessung fand am knapp über 1400 m hohem Panider Sattel statt und war angesichts der sehr hohen Temperaturen und der müden Beine glücklicherweise nur 6 km lang.

 

Nach dem Start ging es 10 km aus Bozen raus bis Blumau, wo ein sehr schöner Anstieg zum Örtchen Steinegg begann. Sehr gleichmäßige 10 bis 12 Prozent auf 5 km, die waren sehr gut zu treten, am liebsten wäre mir diese Strecke als Bergzeitfahren. Danach ging es weiter bergab über schöne Wiesen mit traumhaften Blicken auf den Schlern und die Gipfel des Rosengartens. Eine wellige Strecke brachte uns bis Welschnofen, wo der Schlussanstieg zum Karerpass am Karersee vorbei begann.

 

Mittlerweile war ich recht müde und hatte Sorgen, ob mir die 2:39 min Vorsprung auf Platz 4 reichen würden, da die rechte Wade etwas verhärtet war. Nach der Pause ging es über den Nigerpass runter ins Tierser Tal, gerade im unteren Bereich der Abfahrt waren einige Schlaglöcher zu meistern. Danach ging es wellig weiter, ehe wir auf einer steilen Abfahrt (am Ende 30% Gefälle) die Kastelruther Straße erreichten. Dort ging es nun 10 km bergauf bis Kastelruth. Die sehr hohen Temperaturen von 36 Grad bereiteten mir echte Sorgen, auch die Beine waren nicht mehr ganz frisch. Am Ortsausgang war der Beginn der Zeitmessstrecke. Anfangs flach ballerten wir mit über 40 kmh aus dem Ort, ehe eine steile Steigung die Geschwindigkeit senkte. Die Beine fühlten sich gut an. Die Ausreißer Philipp Schäddel und Gabriel Corredor immer fest im Blick war ich immer direkt hinter Eddi Rizzi, dem Gesamt 4. Der Anstieg war sehr unrythmisch, mal steil und dann wieder flach, es lief jedoch sehr gut, trotz Hitze. Das 3 km Schild kam bald, dass 2 km Schild war auch bald erreicht. Corredor konnte Schäddels Tempo nicht mehr mitgehen, wir holten ihn nach dem 1km Schild ein. Am Ende kam noch eine letzte 600m lange steile Rampe, auf den letzten 150m beschloss ich zu attackieren. Ich mobilisierte meine letzten Kräfte und sprintete dem Zielbogen entgegen, dies war definitiv mein persönlichrs Highlight der heutigen Etappe, wenn nicht gar des ganzen Giros. Die anderen konnten mein sehr hohes Tempo nicht mitgehen. Somit überquerte ich als mit Abstand 2., mit 17 s Rückstand auf den Ersten Schäddel die Passhöhe.

 

Der Blick in die Ergebnisliste bestätigte dies, ich war nun in der Gesamtwertung des ganzen Giros dritter. Überglücklich aß ich mein leckeres Mittagsessen. Es folgte eine lange und schön zu fahrende Abfahrt, die uns zurück ins Eisacktal über das Grödner Tal brachte. Am Ende dieser stürzte ich beinahe, da sich mein Vorderrad in eine tiefe Spurrille einfädelte. Glücklicklicherweise konnte ich einen Sturz verhindern. Es folgten 30 km leicht abschüssige Kilomter im Eisacktal bis Bozen. Die Hitze dort war mit 38 Grad fast unerträglich. Froh es endlich geschafft zu haben erreichte ich die Messe Bozen. Das Endergebnis des Giros lautet: Mit einem Vorsprung von 27:23 min war ich auf Platz.1 in meiner Altersklasse der 19 bis 29 Jährigen und 3. Gesamt, hinter Corredor und Schäddel. Mit einem so guten Ergebnis hätte ich vor dem Giro nicht unbedingt gerechnet. Nach kurzem Aufenthalt auf dem Campingplatz ging es dann in die Bozner Altstadt, wo die Siegerehrung stattfand, die einen großartigen Abschluss einer tollen Veranstaltung bot.

 

Nächstes Jahr auf jeden Fall wieder!

 
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